Tübinger Gemeinderat beschließt Fortschreibung des Klimaschutzprogramms
Meldung vom 17.07.2026
Die Universitätsstadt Tübingen hält an dem Ziel fest, bis 2030 klimaneutral zu werden. Die entsprechende Fortschreibung des Klimaschutzprogramms hat der Tübinger Gemeinderat am Donnerstag, 16. Juli 2026, ohne Gegenstimmen beschlossen. Die Weiterentwicklung des Programms von 2020 trägt den aktuellen Entwicklungen und veränderten Rahmenbedingungen Rechnung. Sie bestätigt große Teile der bisherigen Maßnahmen von Stadt und Stadtwerken, setzt aber auch neue Ziele.
„Wir machen uns nichts vor: Unter den heutigen Bedingungen wird Tübingen die Klimaneutralität bis 2030 voraussichtlich nicht vollständig erreichen. Das Ziel aufzugeben, wäre trotzdem der falsche Schluss. Es bleibt die Richtschnur dafür, fossile Energien so schnell wie möglich zu ersetzen und die Investitionen von Stadt und Stadtwerken darauf auszurichten“, sagt Oberbürgermeister Boris Palmer. „Es kommt aber auch jeder und jedem Einzelnen in Tübingen die Verantwortung zu, einen Teil zum dringend notwendigen Klimaschutz beizutragen: ob durch eine neue Wärmepumpe, eine Solaranlage, Wärmedämmung oder mehr Wege mit dem Fahrrad.“
Den Grundsatzbeschluss, dass Tübingen bis 2030 klimaneutral werden soll, fasste der Gemeinderat bereits im Juli 2019, im November 2020 folgte das erste Klimaschutzprogramm. Damit hatte die 2008 von OB Boris Palmer ins Leben gerufene Klimaschutzkampagne „Tübingen macht blau“ eine neue Zielsetzung erhalten. Das jetzt fortgeschriebene Programm bündelt die Maßnahmen in den Bereichen Wärme, Strom und Mobilität. Die Fortschreibung berücksichtigt unter anderem die kommunale Wärmeplanung, neue gesetzliche Vorgaben, technische Entwicklungen und die derzeit angespannte Haushaltslage. Ergänzend enthält sie übergreifende Vorgaben zur sozialen Ausgewogenheit, zur Vorbildfunktion der Stadtverwaltung und zum Schutz von Flächen sowie zur Klimawandelanpassung.
„Die Fortschreibung benennt die wirksamsten Hebel sehr konkret: weniger Energie verbrauchen, erneuerbare Energien ausbauen, die Wärmeversorgung umbauen und bessere Bedingungen für Bus, Bahn, Rad- und Fußverkehr schaffen. Bei jeder Maßnahme müssen Klimawirkung, Kosten, Umsetzbarkeit und soziale Folgen gemeinsam betrachtet werden“, sagt Bernd Schott, Leiter der städtischen Stabsstelle Umwelt- und Klimaschutz.
Sektor Wärme: Wärmebedarf senken und Wärmenetze ausbauen
Mehr als die Hälfte des Tübinger Endenergiebedarfs entfällt auf die Wärmeversorgung. Das Programm sieht vor, den derzeitigen Wärmebedarf von rund 900 Gigawattstunden im Jahr bis 2030 um 20 Prozent zu senken. Dazu sollen Gebäude energetisch saniert, Beratungsangebote ausgebaut und die städtische Sanierungsförderung weiterentwickelt werden. Für Neubauten gilt weiterhin der städtische Beschluss für besonders energiesparendes Bauen.
Grundlage für den Umbau der Wärmeversorgung ist der 2023 fertiggestellte kommunale Wärmeplan. Die Stadtverwaltung und die Stadtwerke entwickeln daraus eine langfristige Ausbaustrategie. Dazu gehören Ausbaupläne für Wärmenetze, Konzepte für Gebiete mit dezentralen Heizungsanlagen sowie schrittweise Ausstiegs- und Umbaupläne für die Gasversorgung. Der Wärmeplan soll mindestens alle fünf Jahre überprüft und bei Bedarf fortgeschrieben werden.
Die Stadtwerke wollen ihre Wärmenetze bis 2030 deutlich erweitern. Geplant sind rund elf Kilometer neue Transport- und Verteilleitungen mit einem Investitionsvolumen von etwa 25 Millionen Euro. Unter anderem sollen die Netze in der Innenstadt, der Südstadt und der Alten Weberei miteinander verbunden und das Netz in Waldhäuser-Ost erneuert und ausgebaut werden. Langfristiges Ziel ist eine jährliche Wärmeabgabe von mindestens 300 Gigawattstunden.
Zugleich soll Erdgas in der Fernwärmeerzeugung schrittweise durch klimafreundliche Wärmequellen ersetzt werden. Konkrete Möglichkeiten sind große Wärmepumpen, die Wärme aus der Umwelt nutzen, sowie Solarwärmeanlagen und Heizwerke, die nachhaltig verfügbares Restholz einsetzen. Ein wichtiges Vorhaben ist die Nutzung der Wärme aus dem gereinigten Abwasser der Tübinger Kläranlage.
Wo ein Anschluss an ein Wärmenetz nicht möglich ist, sollen Öl- und Gasheizungen durch klimafreundliche Heizungen ersetzt werden, insbesondere durch Wärmepumpen. Die Stadtverwaltung will dafür Beratungs- und Förderangebote fortführen.
Sektor Strom: Erneuerbaren Strom erzeugen und Verbrauch begrenzen
Obwohl Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge und weitere neue Anwendungen den Strombedarf erhöhen, soll der Verbrauch bei Beleuchtung, Geräten, Pumpen und elektronischer Datenverarbeitung bis 2030 gegenüber 2020 um 80 Gigawattstunden im Jahr sinken. Ein Beispiel ist die vollständige Umstellung der Straßenbeleuchtung auf energieeffiziente Leuchtdioden und eine Beleuchtung, die nachts bedarfsgerecht gedimmt wird. Für die noch ausstehende Umrüstung werden nach heutigem Stand rund neun Millionen Euro benötigt.
Gleichzeitig bauen die Stadtwerke ihre Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen weiter aus. Bis 2030 sollen die eigenen Anlagen zusammen 600 Gigawattstunden Strom im Jahr erzeugen. Dazu können Windkraft- und Solarstromanlagen innerhalb und außerhalb des Stadtgebiets sowie Stromspeicher beitragen. Auch Beteiligungsmodelle für Bürgerinnen und Bürger sollen weiter geprüft und angeboten werden.
Im Stadtgebiet sollen vorrangig Dächer, bereits belastete Flächen in der Nähe von Straßen und Schienen sowie mehrfach nutzbare Flächen für die Energieerzeugung eingesetzt werden, beispielsweise Solarstromanlagen über Parkplätzen. Freiflächen sollen erst genutzt werden, wenn flächenschonendere Lösungen nicht ausreichen oder nicht umsetzbar sind.
Sektor Mobilität: Bus, Bahn, Rad- und Fußverkehr stärken
Im Bereich Mobilität setzt das Programm auf bessere und günstigere öffentliche Verkehrsmittel, eine vollständig elektrisch betriebene Busflotte, ein durchgängiges Radwegenetz und sichere Fußwege. Für die Regionalstadtbahn sollen nach dem Bürgerentscheid von 2021 alternative Streckenführungen und attraktive Umsteigemöglichkeiten zwischen Bahn, Bus und Fahrrad untersucht werden.
Beim Tübinger Stadtbusverkehr sieht das Programm unter anderem eine dauerhafte Vergünstigung des Deutschlandtickets für Menschen mit Wohnsitz in Tübingen, abgestufte Angebote für Schülerinnen und Schüler, Auszubildende und Menschen mit KreisBonusCard sowie längere Taktzeiten am Abend vor. Auch ticketfreie Sonn- und Feiertage, ein günstiges Abendticket und weitere Vorrangschaltungen für Busse werden als Möglichkeiten genannt.
Bis Ende 2027 sollen mehr als 60 Prozent der Stadtbusflotte rein batterieelektrisch fahren. Bis 2030 ist die vollständige Umstellung auf elektrische Busse vorgesehen, die ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien nutzen. Für weitere Fahrzeuge und die notwendige Ladeinfrastruktur werden nach derzeitigem Stand fast 100 Millionen Euro benötigt.
Weitere Maßnahmen sind ein flächendeckendes Angebot gemeinschaftlich genutzter Elektrofahrzeuge und der bedarfsgerechte Ausbau von Ladestellen. Ein gemeinschaftlich genutztes Auto kann je nach Standort acht bis 20 private Fahrzeuge ersetzen. Beim Ausbau des Rad- und Fußverkehrs nennt das Programm unter anderem ein lückenloses Radroutennetz, die Verbindung mit dem „Blauen Band“ und eigene Radwege auf den Steigungsstrecken zu den Kliniken und nach Waldhäuser-Ost.
Auch die Parkraumbewirtschaftung soll weiterentwickelt werden. Die Gebühren für das Bewohnerparken sollen vor 2030 auf 30 Euro im Monat angehoben werden. Veränderungen beim Parken sollen mit Verbesserungen beim öffentlichen Nahverkehr verbunden werden.
Klimaschutz sozial ausgewogen umsetzen
Alle Maßnahmen sollen auf ihre sozialen Auswirkungen geprüft werden. Für Menschen mit geringem Einkommen kommen zusätzliche Zuschüsse, zielgerichtete Energieberatungen und Hilfen bei Klimaschutzinvestitionen infrage. Beispiele sind Zuschüsse für sparsame Haushaltsgeräte oder eine Unterstützung beim Umstieg auf ein Elektrofahrzeug.
Die Stadtverwaltung soll beim Klimaschutz weiterhin eine Vorbildfunktion übernehmen. Dazu gehören energiesparende städtische Gebäude, erneuerbare Wärme und Stromerzeugung auf städtischen Dächern, klimafreundliche Dienstwege sowie nachhaltige Beschaffungen und Vergaben. Auch das Mittagessen in städtischen Schulen und Kindertageseinrichtungen soll weiterhin wasserschonend, fleischarm und mit einem hohen Anteil biologisch erzeugter Lebensmittel angeboten werden.
Mit dem Beschluss wird nicht jede im Programm genannte Einzelmaßnahme unmittelbar umgesetzt. Für konkrete Vorhaben sind jeweils gesonderte Beschlüsse der politischen Gremien sowie ausreichende Finanz- und Personalmittel erforderlich. Das fortgeschriebene Klimaschutzprogramm mit allen Maßnahmen und Hintergründen wird in naher Zukunft unter www.tuebingen-macht-blau.de/klimaneutral2030 abrufbar sein.